Bio

Text: Jakob Uhlig

Wenn jemand seit Jahren bedingungslos alles in die Musik investiert, dann muss etwas dahinterstecken. Moritz Herrmann alias Moe ist so ein Künstler, bei dem man diese Leidenschaft in jeder Note spürt. Seit 2015 ist der Singer-Songwriter aus Bielefeld bereits auf Bühnen in ganz Deutschland unterwegs und hat dabei immer alles selbst auf die Beine gestellt. Moes Musik saugt die Intimität zeitgenössischer Folk-Songwriter wie Glen Hansard und The Tallest Man On Earth in sich auf und versetzt sie gleichsam mit den Einflüssen von Genre-Ikonen wie Simon And Garfunkel und der melodischen Kraft alternativer Rockmusik wie Biffy Clyro oder den Augustines. Während seine Musik stets zwischen diesen beiden Polen schwebt, hebt Moe auf seiner neuen EP „Melancholy’s Lovely“ vor allem seine introvertierte Seite hervor und präsentiert fünf Songs, die den Musiker nahbarer und eindringlicher denn je präsentieren.

Moe Live „Butzival 2019“ © Felix Jung, 2019

Seit Moe 2015 das erste Mal mit eigenen Songs auf einer Bühne stand, ist unheimlich viel passiert. Dass seine Musik so ungefiltert das Wesen des Songwriters offenbart, ist diesem breiten Erfahrungsschatz zu verdanken. Der äußert sich auf vielfältigen Ebenen, zentral ist aber oft die Begegnung mit anderen Menschen. Deutlich wird das vor allem in Moes Live-Shows, die er meist solistisch, bisweilen aber sogar in voller Bandbesetzung begeht. Seine musikalischen Begleiter*Innen verleihen der Musik des Bielefelders einen unnachahmlich vollen Klang und beeinflussen so die musikalische Vielfalt des Projekts enorm. Die Band besteht neben Laura Schiller (Gitarre und Vocals) und Martin Schilde (Bass und Vocals) auch aus Moes langjährigem Weggefährten Niklas Weber, der am Schlagzeug sitzt und seit jeher einen enormen musikalischen Einfluss auf das Projekt hat. Eine ebenso enge künstlerische wie persönliche Bindung hält der Musiker zu Singer-Songwriter Joschka Brings, der ehemaliges Moe-Bandmitglied ist und mit dem der Bielefelder immer noch gemeinsam auf „Doppeldate-Konzerten“ auftritt.

Moe & Joschka Brings © Fiona Thiele, 2020

Diese Begegnungen beeinflussen Moe aber nicht nur auf rein musikalischer Ebene, sondern sind auch oft Katalysator für die grundlegende Entstehung seiner Songs. „Aus anfangs eher klischeehaften Liebesliedern wurden über die Zeit Songs über das Sich-Zuhause-Fühlen, über Verlorenheit, über den Umgang mit Angst und Sucht und den Konsequenzen des eigenen Handelns und Verhaltens“, beschreibt der Sänger einige Grundsätze seiner Kunst. „Aber natürlich schreibe ich nach wie vor hauptsächlich Lieder über die Menschen, die mir im Leben wichtig sind, es waren oder es werden sollen.“ Oft entstehen diese musikalischen Auseinandersetzungen mit anderen Menschen in traurigen Momenten. Moes Musik trägt deswegen viele melancholische Gefühle in sich, die klanglich aber stets eine Note der Hoffnung erhalten. Die Lieder des Songwriters sind in erster Linie ein intimes Tagebuch und drücken nahbar die Gedanken aus, die in vielen von uns wohnen. So ist die Musik von Moe ein Weg menschlicher Begegnung in vielerlei Hinsicht. Der Bielefelder drückt in seinen Songs das aus, was die meisten nicht auszusprechen wagen.

Dass die Musik von Moe so unnachahmlich unverstellt klingt, ist vor allem der Unbeirrbarkeit und ungebrochenen Selbstständigkeit des Künstlers auf seinem musikalischen Weg zu verdanken. Nachdrücklich deutlich wird das auf seiner neuen EP „Melancholy’s Lovely“, auf der der Sänger den ihn immer begleitenden Mut zur Eigenständigkeit maximiert. „Ich wollte gerne ausprobieren, wie weit ich mit diesem DIY-Gedanken gehen kann“, erklärt Moe die Arbeitsweise hinter seinem neuen Werk. „Die EP ist komplett in Eigenregie entstanden, die Aufnahmen habe ich selbst im Proberaum gemacht. Auch das Artwork ist komplett DIY. Das ‚Melancholy’s Lovely‘-Herz hat mein guter Freund Joel gezeichnet, mit dem ich seinerzeit in der Metalcore-Band Driftwood gespielt habe. Den Rest des Artworks und die Single-Cover habe ich selbst gemacht. Sogar die Kaffeeflecken auf dem Aquarellpapier sind echt und von mir.“

Henning Strand, Moe, Niklas Weber (v.l.n.r.)
© Fiona Thiele, 2018

Trotzdem trägt auch „Melancholy’s Lovely“ die Handschrift wichtiger äußerer Einflüsse. Für das Mixing der EP ist Joschka Brings verantwortlich, das Mastering hat Henning Strandt aus dem Watt Matters Studio übernommen. „Es war mir besonders wichtig, dass diese beiden Menschen an diesem Projekt beteiligt sind, weil beide in den letzten Jahren einen großen musikalischen Einfluss auf mich hatten und es keinen Moe-Release geben darf, an dem einer von beiden nicht mitgewirkt hat“, bekräftigt Moe das Essentielle dieser Zusammenarbeit.

Musikalisch setzt „Melancholy’s Lovely“ einen bewussten Kontrapunkt zum in voller Bandbesetzung produzierten Vorgängeralbum „Folding Cranes“ und konzentriert sich ganz auf Moes in sich gekehrte Folk-Seite. Gepaart mit der DIY-Produktion kann ein Song wie „Castles“ darauf so nahbar Verletzlichkeit offenbaren. Die erste Single der EP steht mit ihrer puristischen Kombination aus Banjo und Akustikgitarre symbolisch für den intimen Sound der Platte und vermittelt so mit minimalen Mitteln die zerrissene Situation einer einseitigen Verliebtheit. „Catch22“ referenziert mit seiner offeneren Melodik wiederum Folk-Pop-Einflüsse, mit deren Stütze Moe über die Schwierigkeiten menschlicher Bindungen singt. „Die Aussage einer Person, sie habe nur noch Kontakt zu mir, weil sie die Melancholie so gern mag, inspirierte mich zum EP-Titel und auch zu diesem Song“, erinnert sich Moe. „‚Catch22‘ handelt von dem eigenen Unvermögen, eine ernsthafte Bindung zu Menschen aufbauen zu können, obwohl man sie gerne mag. Der Song erzählt von dem, was an Traurigkeit schön sein kann.“

Vielleicht ist es genau diese Verbindung zwischen Moes verletzlichsten Momenten und der daraus entstehenden schöpferischen Kraft, die seine Musik live wie auf Platte so einzigartig macht. „Melancholy’s Lovely“ ist die neueste Ausdeutung dieser Reise, aber noch lange nicht das Ende – denn unser komplexes Miteinander ist eine Inspirationsquelle, die schlicht unerschöpflich ist.

Text: Jakob Uhlig