Moe

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Bio

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Text: Jakob Uhlig

Irgendwie wird sich immer alles fügen: Wenn die Musik von Moritz Herrmann alias Moe eines nach außen trägt, dann vielleicht genau dieses Gefühl. Seit 2015 ist der Singer-Songwriter aus Bielefeld bereits auf Bühnen in ganz Deutschland unterwegs und hat dabei immer alles selbst auf die Beine gestellt. Zwischen den Einflüssen von Folk-Künstlern wie Glen Hansard oder The Tallest Man On Earth, breiten melodischen Arrangements von Indie-Acts wie Biffy Clyro oder den Augustines und melancholischen Songwriterinnen wie Phoebe Bridgers oder Holly Humberstone findet Moe stets die richtigen Farbtupfer, um seine aus dem Leben gegriffenen Geschichten zu erzählen. Sein neues Album „Second Row Kids“ wirkt vor allem deswegen so nahbar, weil es den Widrigkeiten des Alltags ein Gesicht gibt und zeitgleich immer weiß, dass in jedem Problem auch eine Chance steckt.

Moe Live 2021 © Sterø Konzertfotografie

Viel hat Moe in den Jahren seit dem Start seines musikalischen Projekts erlebt, der Weg zu seiner neuesten Platte war aber dennoch von ganz neuen Umständen geprägt. 2020 legt die Pandemie die Musikindustrie lahm und Konzerte sind plötzlich nicht mehr möglich. Seine Auftritte bestreitet der Songwriter meist solistisch, bisweilen hat er aber auch eine volle Bandbesetzung dabei. Seine musikalischen Begleiter*Innen verleihen der Musik des Bielefelders einen unnachahmlich vollen Klang und beeinflussen so die musikalische Vielfalt des Projekts enorm. Die Band besteht neben Laura Schiller (Gitarre und Vocals) und Martin Schilde (Bass und Vocals) auch aus Moes langjährigem Weggefährten Niklas Weber, der am Schlagzeug sitzt und seit jeher einen enormen musikalischen Einfluss auf das Projekt hat. Als klar wird, dass gemeinsame Auftritte auf absehbare Zeit nicht mehr möglich sein werden, will das Quartett die Bandkasse plündern, um den Proberaum zu einem Studio umzubauen und die Zeit des Stillstands musikalisch nicht versiegen zu lassen. Doch unerwartete finanzielle Mittel aus einem kulturellen Förderprogramm ermöglichen es der Band, ihr Projekt noch größer werden zu lassen. So entsteht „Second Row Kids“ nicht in Eigenproduktion, sondern im Bielefelder Watt Matters Studio, dessen heimischer Produzent Henning Strandt schon lange ein Begleiter des Projekts ist.

Cover: Second Row Kids
Levin Mertelsmann, 2021

Moes Musik war schon immer stark von menschlichen Begegnungen geprägt. Das äußerte sich in seinen beziehungsreichen Texten, in der Nahbarkeit seiner Konzerte und mit seinem neuesten Album auch durch die Prägung der neu besetzten Band, die nach der solistisch angelegten „Melancholy’s Lovely“-EP von 2020 auf „Second Row Kids“ erstmals ihre Spuren hinterlassen hat. Die fast vollständig live eingespielten Instrumentals geben der Platte einen unglaublich einenden Charakter, der so gut wie nur irgendwie möglich das einfängt, was seit langer Zeit durch den Wegfall von Konzerten fehlt. „Dieses Album hat mir gezeigt, was es bedeutet, mit einer neu besetzten Begleitband aufzunehmen und was das mit einem Sound machen kann“, kommentiert es Moe selbst. „Laura spielt wahnsinnig schöne und verspielte E-Gitarren-Licks und bringt ihre persönliche Note in die Backing Vocals. Martin gibt dem Bass durch sein sehr melodiöses Spiel eine abgefahrene Lebendigkeit, ohne dabei aufdringlich zu sein. Das ist unfassbar stark! Und was soll ich zu Niki am Schlagzeug sagen? Lieblingsschlagzeuger für immer. Wir kennen uns seit 27 Jahren und machen seit 23 Jahren zusammen Musik. Da entsteht einfach eine Verbindung, die man nicht künstlich herstellen kann.“

„Second Row Kids“ stellt bei seinen Erzählungen über den Kontakt mit anderen Menschen oft auch die Frage, wie man sich in der Welt zurecht finden kann. Im Titeltrack reflektiert Moe seine Schulzeit, in der er oft in der zweiten Reihe stand. Gleichzeitig ist der Song aber keine bloße Selbstbeschreibung, sondern auch ein Wegweiser in die Zukunft. Strophe für Strophe arbeitet sich Moe weiter vor, gerät zunächst in einen Zustand von Selbstakzeptanz, erkennt die eigene Rolle an und öffnet schließlich auch die Tür, um aus dem Schatten hervorzutreten. Auch „No Daring Kind“ denkt über die Auswirkungen von Gefühlen und Eigenschaften wie Schüchternheit und Ängstlichkeit nach und schafft es dabei gleichzeitig, einen wichtigen Aspekt von Moes künstlerischem Schaffen auf den Punkt zu bringen. Als Gast ist auf dem Song Ex-Moe-Bandmitglied und immer noch regelmäßiger Konzertpartner Joschka Brings zu hören, der mittlerweile im weit entfernten Hamburg wohnt, aber nach wie vor bei jedem Moe-Projekt in irgendeiner Weise gewirkt hat. Gemeinsam schaffen die beiden einen Song, der sich musikalisch mit seinem harmonischen Duettgesang und den sich gegenseitig umspielenden Gitarren vor Größen wie Simon & Garfunkel verneigt.

Moe
© Fiona Thiele, 2021

In letzter Konsequenz schafft Moe mit „Second Row Kids“ so auch einen Rückblick auf sein bisheriges Schaffen und dessen Bedeutung für die Gegenwart. Er vereint alte und neue Gesichter, er schlägt Brücken zwischen früheren und aktuellen Einflüssen, er blickt auf sein Leben zurück und stellt dabei immer wieder fest, wie das Älterwerden ihn heute begleitet und geformt hat. Es ist vielleicht symbolisch, dass der Opener von „Second Row Kids“ tatsächlich der erste Song ist, den Moe je für sein Projekt geschrieben hat und der es nach sieben Jahren nun endlich auf eine Platte geschafft hat. In all der Zeit hat er eine ganz andere Form angenommen, die die Entwicklung des Musikers pointiert auf den Punkt zu bringen vermag. „Warum ich den Song geschrieben habe, ist heute eigentlich nicht mehr wichtig“, reflektiert Moe. „Viel wichtiger ist die Bedeutung, die er heute für mich hat. Er steht für Veränderung, Erwachsenwerden, dafür, mit Dingen abschließen zu können und auch mit einem Augenzwinkern auf das blicken zu können, was früher einmal war.“